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Blick von der Schatzalp-Veranda mit Säulen auf die Davoser Bergwelt

Kultur & Geschichte

Davos hat mehr Geschichte als Pisten

Davos wurde nicht als Skiort erfunden, sondern als Ort der Heilung. Die Kranken, die zum Atmen kamen, brachten Bücher, Pinsel und Ideen mit – und machten aus einem Bergdorf einen unwahrscheinlichen Kultur-Hotspot. Eine Spurensuche zwischen Zauberberg, Sherlock Holmes und Expressionismus.

Kurort seit 1865Thomas Manns „Zauberberg“Kirchner MuseumWEF seit 1971

Bevor hier der erste Ski im Schnee stand, war Davos ein Wartesaal auf 1.560 Metern. Menschen kamen aus ganz Europa hierher, um zu atmen – und viele von ihnen schrieben, malten und dachten dabei. Diese fünf Kapitel erzählen, warum die klare Höhenluft nicht nur Lungen heilte, sondern Weltliteratur und Kunst hervorbrachte.

  1. Der Atem-Ort

    1853 kommt der Arzt Alexander Spengler nach Davos und bemerkt: Die Einheimischen erkranken kaum an Tuberkulose. Er führt es aufs Höhenklima zurück. Als 1865 die ersten beiden Lungenkranken den Winter im Freien erfolgreich überstehen, ist der Ruf geboren – Davos wird zum größten Lungenkurort Europas. Alles Folgende baut auf dieser einen Idee auf.

  2. Die Kranken, die schrieben

    Robert Louis Stevenson kurt 1880–1882 hier und vollendet den Text zur „Schatzinsel“. Und Katia Mann liegt 1912 im Waldsanatorium – ihr Mann Thomas besucht sie drei Wochen und trägt die Idee zu „Der Zauberberg“ nach Hause. Aus Krankheit wird Weltliteratur.

  3. Der Berg lernt Skifahren

    1894 überquert ausgerechnet Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, mit zwei Davoser Brüdern auf Ski die Maienfelder Furgga nach Arosa. Sein Bericht macht das Skifahren in England populär. Selbst die Pisten von Davos haben also eine Literaturgeschichte.

  4. Der Maler am Wildboden

    Ernst Ludwig Kirchner, Mitbegründer der Expressionisten-Gruppe „Brücke“, kommt 1917 nach einem Zusammenbruch nach Davos und bleibt bis zu seinem Tod 1938. Die Davoser Berge werden zu einer eigenen, großen Werkphase – die schönste und tragischste zugleich.

  5. Und heute?

    Seit 1971 kommt die Welt jeden Januar zum World Economic Forum nach Davos. Die logische Fortsetzung einer 150-jährigen Tradition: Erst kam man wegen der Lunge, heute wegen der Wirtschaft – aber die Welt kommt immer noch.

Thomas Mann und der „Zauberberg“

Es ist die berühmteste Davos-Geschichte überhaupt – und sie wird oft falsch erzählt. Richtig ist: Katia Mann wurde 1912 rund sechs Monate im Waldsanatorium behandelt, dem heutigen Waldhotel. Ihr Mann besuchte sie und formte aus den Eindrücken den Roman, der 1924 erschien. Das architektonische Vorbild für das fiktive „Sanatorium Berghof“ war jedoch die Schatzalp hoch über dem Tal – nicht das Waldsanatorium. Beides gehört zusammen, meint aber nicht dasselbe Haus.

Beide Orte kannst du heute besuchen: Das Berghotel Schatzalp, per Standseilbahn ab Davos Platz erreichbar, vermarktet sich selbst als „der Zauberberg“ und bewahrt seinen Jugendstil-Charme. Und das Waldhotel steht dort, wo die Familie Mann tatsächlich war. 2024 feierte Davos 100 Jahre „Zauberberg“, 2025 den 150. Geburtstag Thomas Manns – die Themenspaziergänge auf seinen Spuren gibt es weiterhin.

Kirchner – der Expressionist der Berge

Wer nur ein Museum in Davos besucht, sollte dieses wählen. Das Kirchner Museum an der Promenade in Davos Platz beherbergt die weltweit größte Sammlung des Künstlers: rund 40 Gemälde, über 700 Zeichnungen und Aquarelle, dazu Druckgrafik und über 160 Skizzenbücher. Der lichtdurchflutete Neubau von Gigon/Guyer wurde 1992 eröffnet und gilt selbst als wegweisende Museumsarchitektur.

Kirchner lebte ab 1917 in und um Frauenkirch, zuletzt am Wildboden, wo er sich 1938 – zermürbt auch durch die NS-Diffamierung als „entarteter“ Künstler – das Leben nahm. Sein Grab liegt auf dem Waldfriedhof in Frauenkirch. Es ist ein stiller Ort, kein Ausflugsziel – aber für viele Teil des Verstehens.

Die Geschichten

Einzelne Kapitel, gründlich erzählt – mit historischen Aufnahmen aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek. Diese Sammlung wächst.

Orte, an denen die Geschichte greifbar wird

Kirchner Museum

Größte Kirchner-Sammlung der Welt, an der Promenade in Davos Platz. Öffnungszeiten tagesaktuell prüfen.

Berghotel Schatzalp

Das Jugendstil-Vorbild für Manns „Berghof“, ehemaliges Sanatorium, per Standseilbahn erreichbar. Dazu der Botanische Garten Alpinum mit über 3.500 Gebirgspflanzen.

Waldhotel Davos

Das frühere Waldsanatorium, realer Kur-Ort von Katia Mann 1912.

Maienfelder Furgga

Doyles Ski-Route von 1894 nach Arosa – bis heute eine reale, anspruchsvolle Skitour.

Ehrlich bleibt schöner. Nicht jede Anekdote glänzt: Stevenson mochte Davos nicht besonders und empfand den Kurort als beengend. Und Kirchners Geschichte endet tragisch. Genau diese Zwischentöne machen Davos interessanter als jede Hochglanzbroschüre.

Historische Angaben nach davos.ch, den Museen (kirchnermuseum.ch) sowie Wikipedia. Öffnungszeiten und Jubiläumsprogramme wechseln – vor dem Besuch tagesaktuell prüfen. Kunstwerke Kirchners unterliegen dem Urheberrecht; auf dieser Seite werden keine Werkabbildungen gezeigt.

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